Königin Elisabeth Christine von Preußen hat in ihrem Leben viel Anlass gehabt, an ihrem Schicksal zu verzweifeln. Die meisten ihrer Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche wurden nach und nach enttäuscht.

Was sie vor der Verbitterung bewahrte, war ihre unablässige Suche nach dem richtigen Weg, nach der harmonischen Verbindung von Vernunft und christlichem Glauben - nach einem neuen, reiferen Gottvertrauen.

In ihren "Gedanken und Begtrachtungen zum Jahreswechsel 1777" schreibt sie:

Die scheinbar ungleiche Verteilung des Glückes in der Welt war zu allen Zeiten ein Stein des Anstoßes für den menschlichen Verstand; besonders aber für schwache Geister, die nicht gewohnt sind, über die Ziele der Allweisheit nachzudenken, oder nicht die Geduld haben, den Ausgang abzuwarten.

Dass die Welt und deren Ereignisse nicht durch Zufall bestimmt werden und kein blindes Geschick sie lenkt, sondern dass sie durch ein allmächtiges Wesen gemacht und geregelt sind und regiert werden durch die unabänderlichen Gesetze der Allweisheit und Güte, davon bin ich vollkommen überzeugt (...), wenn ich darüber ohne Vorurteil und ohne Befangenheit nachdenke. Es ist mir nicht minder tröstlich,wenn ich gleichzeitig überlege, dass alle Personen geraden und gerechten Sinnes denselben Eindruck und dieselbe Überzeugung haben, und sooft als ich mich durch einen törichten Einfall oder durch einen grüblerischen Geist verführt sah oder mich im Dunkel der Melancholie verirrte und anders zu denken geneigt war, ebenso oft hat mich die innere Stimme der Wahrheit zurückgehalten und ich habe mir nur zu sagen brauchen: Nur der Unvernünftige spricht in seinem Herzen: es gibt keinen Gott und was auch kommt, leitet der Zufall. (...)

Obwohl ich durch die Beschränkungen, die mein Verstand mir auferlegt, nicht immer klar erkennen kann, inwiefern alle die Lagen, in denen ich mich befunden habe, zu meinem Heile erforderlich waren oder es fördern konnten, so weiß ich doch, dass sie es taten, und am Ende wird alles sich entwickeln und aus dem Dunkel treten, und die verwickelten Dinge werden sich zu meiner Freude und zur Verherrlichung Gottes aufklären. (...)

Ich erkenne es mit unendlicher Bewunderung und mit der demütigsten Dankbarkeit: Was Gott tut, das ist wohlgetan.

 

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, 1908 

 

 

 

 

 

 

Das sanftmütige Antlitz Preußens 

 

Schon zu Lebzeiten missverstanden und dramatisch unterschätzt – Königin Elisabeth Christine von Preußen. Dabei hätte ohne sie Friedrich II. nie der werden können, als der er in die Geschichte eingegangen ist. Sie repräsentiert das andere Gesicht der preußischen Aufklärung.

 

Ungeliebt, unbegabt, unbedeutend ... Die Attribute, mit denen die Gemahlin Friedrichs des Großen seit ihrem ersten Erscheinen am Berliner Hof im Frühjahr 1732 bedacht wurde, zeichnen das Bild einer schwachen Persönlichkeit, einer Randfigur der preußischen Geschichte. Neuere Untersuchungen zeigen, dass dieser Eindruck täuscht. Denn abseits der großen Bühnen, auf denen sich ihr Ehemann bewegte, stand und steht Königin Elisabeth Christine,Prinzessin von Braunschweig-Bevern (1715-1796), für Standhaftigkeit, stille Pflichterfüllungund aufgeklärte Menschenfreundlichkeit. Sie war die Seele Preußens.

 

Elisabeth Christine hatte es denkbar schwer, vor den Augen der Geschichte zu glänzen. Mit gerade erst 16 Jahren geriet sie mitten hinein in den furchtbaren Nervenkrieg des preußischen Kronprinzen mit seinem despotischen Vater Friedrich Wilhelm I., dem „Soldatenkönig“. Den innerfamiliären Konflikten, denen sie am Berliner Hof ausgeliefert war, hatte das Mädchen aus dem beschaulichen Wolfenbüttel kaum etwas Wirksames entgegenzusetzen. Der junge Friedrich, gründlich traumatisiert im Machtkampf mit dem Vater, schmiedete bereits seine Pläne für ein Leben in kultivierter Bindungslosigkeit. „Wenn ich heirate, heirate ich als Mann von Lebensart, das heißt, ich lasse Madame ihrer Wege gehen und tue meinerseits, was mir gefällt. Und es lebe die Freiheit!“ Selbst die friedlichen Rheinsberger Jahre, die das junge Paar noch gemeinsam verbrachte, änderten nichts mehr an seinem bereits eingeschlagenen Weg zu möglichst einsamer Größe.

 

So wurde aus dem egozentrischen Prinzen bald Friedrich der Große und schließlich der „Alte Fritz“. Der Nationalismus des 19. Jahrhunderts hob Friedrich in himmlische Sphären. Für Elisabeth Christine blieb neben diesem Giganten der deutschen Geschichte einfach kein Platz mehr. Sie war die Frau in seinem Schatten – unsichtbar, duldsam, ohne Skandale. Ihre historische Würdigung beschränkte sich auf die Wiederholung von Friedrich-Anekdoten, die das allgemeine Desinteresse an seiner Frau besonders bildhaft belegten. „Madame sind korpulenter geworden“, ist eine dieser sonderbaren Rohheiten, die in keiner seiner Biographien fehlen. Bis vor wenigen Jahren beschränkte sich die Geschichtsschreibung noch darauf, an Königin Elisabeth Christine vor allem das festzustellen, was sie im Vergleich mit ihrem exzentrischen Ehemann vermeintlich nicht sein konnte. Erst mit der jüngeren Friedrich-Forschung hat sich auch der Blick auf Elisabeth Christine gewandelt. Ganz allmählich wird für uns die Person wieder sichtbar, die 46 Jahre lang erfolgreich Königin von Preußen war.

 

Es ist nicht leicht, ihr Wirken als Königin in Kategorien historischer Größe zu messen. Diese Kategorien wurden nicht für Herrscherinnen des Ancien Régime geschaffen, und schon gar nicht für jemanden wie Elisabeth Christine. Denn historische Größe setzt vor allem eines voraus – die Bereitschaft aufzufallen. Das aber lag weder in ihrem Naturell, noch entsprach es ihrer Erziehung. Dazu kommt noch, dass die verliebte junge Frau von Anfang an ihr ganzes Handeln darauf ausrichtete, die Zustimmung des von ihr so verehrten Ehemannes zu finden. Und wenn schon nicht seine Zustimmung, so doch wenigstens keine Missbilligung.

 

Elisabeth Christine erfüllte die ihr auferlegten Pflichten, bedingungslos und unermüdlich. Ganz oben auf der Liste ihrer Aufgaben stand die Sicherung der dynastischen Stabilität, wozu an erster Stelle eigentlich auch Geburt und Erziehung des königlichen Nachwuchses gehört hätten. Aber die Ehe blieb kinderlos, trotz einiger Bemühungen während der Zeit in Rheinsberg. Später wunderte sich darüber auch niemand mehr. Die Verpflichtungen der Königin gegenüber der Dynastie reichten allerdings noch weiter. Denn Elisabeth Christine war durch die Heirat zum Bindeglied zweier Herrscherhäuser geworden. In dieser Position war es wesentlich auch ihre Aufgabe, die bereits bestehende Allianz zu festigen und die fast unvermeidlichen Loyalitätskonflikte diplomatisch abzufedern. So schaltete sie sich ein, als es zwischen Friedrich und seinem Schwager, dem regierenden Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, beinahe zum Bruch kam. Herzog Karl schickte schließlich die verlangten 1300 Mann, und die Pläne für eine dritte preußisch-braunschweigische Eheschließung wurden fortgesetzt. Im Zuge dieser Verhandlungen trat auch Elisabeth Christines Lieblingsbruder Ferdinand in preußische Dienste. Zwei weitere Brüder folgten ihm – und verloren früh ihr Leben. Trotzdem traten später auch noch vier Neffen der Königin in die preußische Armee ein. Das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel wurde im Lauf der friderizianischen Kriege zu einem der wichtigsten militärischen Verbündeten Preußens.

 

Mit der dynastischen Vernetzung der Hohenzollern-Frauen und ihrer Rolle beim Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht befasst sich seit Ende August 2015 im Berliner Schloss Charlottenburg die Sonderausstellung „FRAUENSACHE. Wie Brandenburg Preußen wurde“. Gerade zu Königin Elisabeth Christine, deren 300. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, dürften noch überraschende Entdeckungen zu machen sein. So fehlt es immer noch an einer detaillierten Untersuchung über ihre Verbindungen zu den führenden Köpfen der Berliner Aufklärung. Auch ihre eigenen philosophisch-theologischen Schriften und Übersetzungen bedürfen noch der geistesgeschichtlichen Einordnung. Bisher nur in Teilen erfasst ist die Rolle Elisabeth Christines als Förderin zeitgenössischer Literatur, Musik, Architektur und Gartenbaukunst.

 

Ihr für die Regierungszeit Friedrichs des Großen wohl wichtigster Beitrag liegt dagegen in einer Leistung, die kaum sichtbare Spuren hinterlassen hat. Es war ihre uneingeschränkte Zuverlässigkeit in der Ausführung des höfischen Zeremoniells, mit der sie überhaupt die Voraussetzung schuf für die One-Man-Show ihres Mannes, und damit für den Mythos Friedrichs des Großen.

 

Die Institution des Hofes war ein Grundpfeiler im politischen System des 18. Jahrhunderts. Das höfische Zeremoniell, so befremdlich es uns heute in seiner spätbarocken Exaltiertheit auch erscheinen mag, war ein Instrument absolutistischer Herrschaft. Im Mittelpunkt der gleichförmigen, halböffentlichen Abläufe stand der König. Die Etikette erstreckten sich im Prinzip auf alles, was der Monarch tat, vom morgendlichen Aufstehen über das diplomatische Tagesprogramm bis hin zu den ebenfalls inszenierten Vergnügungen. Über die formelle Distanz oder Nähe zur Person des Herrschers erlaubte das Zeremoniell jederzeit die exakte Positionsbestimmung innerhalb der höfischen Hierarchie. Das Zeremoniell repräsentierte die Stabilität der königlichen Macht und war deshalb viel mehr als bloß Theater. Seine Kontinuität war sogar noch ein Stück wichtiger als die persönliche Anwesenheit des Königs. Der König konnte vertreten werden – durch die Königin. In Kriegszeiten war das unvermeidlich, fiel aber nicht so sehr ins Gewicht, da das gesamte Hofleben dann auf Sparflamme lief. Umso deutlicher trat in den Jahren des Friedens die Neigung des Königs hervor, sich aus der höfischen Repräsentation so weit wie möglich herauszuhalten und den Hauptteil zunächst der Königinmutter, dann der Königin selbst zu überlassen. Was als Notlösung begonnen hatte, entwickelte sich schnell zur Routine. Dementsprechend war die Wohnung der Königin im Berliner Stadtschloss glatt doppelt so groß konzipiert wie die des Königs. Dort, in den Räumen der Königin, fand das eigentliche staatstragende Zeremoniell statt – nicht in Potsdam. Sogar ihr Sommerschloss Schönhausen war fest eingebunden in das höfische Repräsentationssystem. Nur weil das private Refugium der Königin eben auch Bestandteil des Hoflebens blieb, wurde es im Lauf der Jahre weiter ausgebaut und umgestaltet, künstlerisch ganz auf der Höhe der Zeit. Von einer „Verbannung“ der Königin nach Schönhausen kann schon aus diesem Grund keine Rede sein.

 

König Friedrich II. selbst blieb die meiste Zeit des Jahres über in Potsdam. Je länger er sich dort der Berliner Repräsentationsroutine entzog, umso deutlicher war allein schon die Einladung nach Potsdam als Zeichen königlicher Gunst auch öffentlich wahrnehmbar. Das Zeremoniell des Hofes im Berliner Schloss degenerierte inzwischen zur reinen„Etikettenangelegenheit“ – unverzichtbar, aber ihres eigentliches Sinnes beraubt. Friedrich brauchte die funktionierende Hofroutine als Hintergrund seiner Selbstinszenierung als außerordentlicher Herrscher und roi philosophe. Darin liegt ein wesentlicher Teil jener Ambivalenz begründet, die sein Verhalten gegenüber Elisabeth Christine kennzeichnet. Einerseits schloss er sie demonstrativ immer wieder von wichtigen höfischen Ereignissen aus, an denen er selbst teilzunehmen gedachte. Andererseits legte er größten Wert darauf, dass alle anderen ihr nur den allerhöchsten Respekt entgegenbrachten.

 

Was wäre wohl geschehen, wenn Elisabeth Christine sich in der ihr zugedachten Rolle als weniger belastbar erwiesen hätte? Als sie einmal wegen Krankheit auszufallen drohte, schrieb Friedrich einen besorgten Brief nach Schönhausen: „Madame, ich höre, Sie werden durch ein Fieber incommodiert. Wenn Sie glauben, dass Sie wiederhergestellt sein werden, würden Sie mir eine Freude machen, nach Berlin zu kommen, aber wenn Sie krank sind, bleiben Sie in Schönhausen; ich wäre freilich sehr in Verlegenheit, weil ich den Großfürsten empfangen soll.“ Elisabeth Christine verstand den Wink. Sie biss die Zähne zusammen und war pünktlich zur Stelle, um den russischenThronfolger zu begrüßen. Es waren ihre unbedingte Pflichttreue und Loyalität, ohne die ihr Friedrich nie so frei hätte agieren können, wie er es tat.

 

Elisabeth Christine machte keine Skandale. Auf die Rolle der stillen Dulderin zog sie sich trotzdem nicht zurück. Jeden Quadratzentimeter ihres eingeschränkten Spielraums nutzte sie gemäß ihrer ganz eigenen Überzeugungen und Neigungen, selbst wenn diese denen des Königs zuwiderliefen. Pflicht und die Gewissheit ihrer Berufung ließen sie zu genau der Königin heranreifen, die das krisengeschüttelte Preußen am nötigsten brauchte. So entwickelten sich König und Königin zu den beiden Seiten derselben preußischen Medaille. Obwohl sie kaum jemals gemeinsam handelten, ergänzten sie sich doch zu einem großen Ganzen. Elisabeth Christine erschien den Zeitgenossen mit ihrer bodenständigen Menschenfreundlichkeit und aufgeklärten Frömmigkeit als unentbehrliches Pendant zum latent menschenfeindlichen Umgangston in Potsdam. König Friedrich II. stand für den Aufstieg Preußens zu ruhmreicher Größe. Königin Elisabeth Christine stand für die Hoffnung, bei so viel neuem Ruhm keinen Schaden an der Seele zu nehmen. Friedrich war sich der Bedeutung seiner Frau für den Staat als Ganzes voll bewusst. Anlässlich der oben erwähnten Erkrankung Elisabeth Christines ermahnt Friedrich seinen Leibarzt: „Ich empfehle Ihnen, die Königin ohne Aufschub zu besuchen und sich mit den beiden anderen Ärzten von Berlin zu verbinden. Denken Sie daran, dass es sich um die teuerste und notwendigste Person für den Staat, für die Armen und für mich handelt.“

 

Indem Friedrich hier die Armenfürsorge quasi als Domäne seiner Frau hervorhebt, spielt er auf einen wesentlichen Aspekt ihrer öffentlichen Wahrnehmung an. In den ersten Jahren am Berliner Hof hatte Elisabeth Christine mit ihren unaristokratischen, mitunter geradezu volkstümlichen Neigungen immer wieder viel Kritik auf sich gezogen. Aber die Zeiten änderten sich. Preußen hatte auf dem Weg zur militärischen Großmacht einen hohen Preis bezahlt. Friedrichs Untertanen verehrten ihren großen König zwar, suchten die Nähe zu ihm, aber er brachte es einfach nicht über sich, seinen Landeskindern mehr als Geringschätzung entgegenzubringen. Je weiter der König sich entzog, umso dankbarer wurden jetzt die private Frömmigkeit der Königin und ihr großes soziales Engagement wahrgenommen. Gerade die erzwungene Distanz zum höfischen Pomp prägte sie als positive Identifikationsfigur und wurde zunehmend als Ausdruck einer neuen königlichen Tugend gedeutet – der Volksnähe.Die Popularität der Königin erhielt Züge der religiösen Verehrung. Zu ihrem Tod1797 fanden die Einwohner Niederschönhausens, wo sie ihre Sommer zu verbringenpflegte, für ihre Trauer die treffenden Worte: „Gleichsam verwais’t starrtunser Blick auf’s arme Dörfchen hin: Denn unsre Mutter, unser Glück, lebt nun nicht mehr darin!“ Preußen hatte seine erste wahre Landesmutter verloren.

 

Das Schicksal von ElisabethChristine zeigt, wie eine Frau aus der Geschichtsschreibung beinahe verschwinden kann, wenn sie zu lange außerhalb des Lichtkegels steht. Alle Welt blickte wie gebannt auf den König und seine einsamen Entscheidungen. Dass halb Preußen inzwischen auf den Schultern einer Teamworkerin lag, taugte nicht zum Heldenmythos. Ihr 300. Geburtstag wird der geeignete Anlass sein, sie als die Frauzu würdigen, die während Preußens riskantem Aufstieg zur europäischen Großmacht ihren Posten niemals verlassen hat – Friedrichs tapferste Soldatin.

 

 

Jochen von Grumbkow

 

Der Autor ist Kunsthistoriker und Fernsehautor - und mit dem Erbauer des Schlosses Schönhausen nur weitläufig verwandt.